(2) HALLO, HALLO, WIR WOLLEN UNS EINFACH NICHT KAPUTT MACHEN LASSEN!
von Sebastian

Der Zucker veröffentlichte heute eine Stellungnahme zum Thema: Wie geht es weiter mit uns und dem Club. Dabei bezieht sich dieses uns auch und vor allem auf den Konsumenten. In einer bis dato noch nicht erlebten Radikalität, äußert sich das Zucker in Person von Kriz zu Themen wie Subkultur, DIY, Drogenkonsum oder der Türpolitik, welche nach eigenen Aussagen nun verschärft werden soll. Es empfiehlt sich daher vorab das ganze Statement durchzulesen. Das könnt ihr direkt auf der Zuckerseite oder via *.PDF zum runterladen.

"WIR SIND KEIN DIENSTLEISTUNGSUNTERNEHMEN DEM ES EGAL IST WER DIE ZECHE ZAHLT!"

Das Zucker bezieht ganz klar Position im Bezug auf ihre Ideale, ihre Vorgehensweisen und ihre Grundgedanken. Dabei spielen finanzielle Aspekte genauso eine untergeordnete Rolle wie ein volles Haus. Ich erinnere gern an unseren ersten Artikel (1): "Ist die Anzahl der Menschen die sich irgendwo an irgendeinem Ort versammeln ein Kriterium für Qualität?" Diese Fragen haben wir damals schon mit einem klaren "Nein" beantwortet. Somit lässt sich eine Brücke zu den aktuellen Überlegungen rund um das Zucker schlagen.

Konkret beschäftigt man sich mit Fragen rund um die elektronischen Parties im Zucker, die über die letzten Monate stetig zugenommen haben, sich auch etablierten. Gründe hierfür gibt es viele, der entscheidende, und da sind wir wieder, ist dann aber doch ein finanzieller. Konzerte auf die eine handvoll Leute kommen oder subventionierte DIY-Geschichten wie der "Netlabel-Tag" können den Club einfach nicht tragen. Es ist trotzdem von Vorteil auch solche Genres zu bedienen. Das zeigt die Offenheit und Transparenz der Macher. Andererseits: Wenn kein Interesse an elektronischen Veranstaltungen bestehen würde (von Seiten der Betreiber) würde es wohl auch keine geben. Das dies aber wieder komplett an der Philosophie des Clubs vorbeigehen würde leuchtet auch jeden ein.
Nun ist es so, dass sich dieses elektronische Segment mehr und mehr herauskristallisiert und an genau diesen Punkt knüpft die Erklärung an. Es geht nicht darum Leute zu denunzieren oder herabzustufen sondern viel mehr darum in Bewegung zu bleiben. Dabei bleibt es aber leider nicht aus, gewisse Grenzen abzustecken oder auch zu überschreiten ohne die man jedoch kein vernünftiges Konzept erarbeiten kann. Es besteht die Gefahr einer Benachteiligung bestimmter Gruppen aufgrund ihrer ideellen Herkunft oder ihres Aussehens. Dieser Punkt, und scheint er als Grenze auch erstmal notwendig, sollte durchaus noch einmal überdacht werden.

"WIR HABEN UNS JETZT EWIG UND DREI TAGE DAGEGEN GEWEHRT EINE SELEKTION ZU MACHEN. SELEKTION IST AUSGRENZUNG. AUSGRENZUNG IST SCHEISSE!"

Das Zucker möchte eine "alternative Klubkultur". Das möchten wir auch und ich glaube es gibt noch ein paar mehr Menschen in Bremen die das auch begrüßen. Zu einer alternativen Klubkultur gehört aber dennoch eine gewisse Akzeptanz. Das Zucker spricht von "Kidz", "Agrro Druffies" oder "Möchtegern VIPs", also von Gruppen, die sich auf jeder Party tummeln können und vielleicht auch sollten. In einem gewissen Rahmen. Schon ab diesem Punkt lässt sich die Komplexität des Themas erahnen. Selektion, verschiedene Gruppen, ein Grundgedanke, Kapital, Türpolitik. Dies alles unter einen Hut zu bekommen, unter einem alternativen, subkulturellen Ansatz, ist wahrlich kein leichtes.

"WIR WOLLEN EINE ALTERNATIVE KLUBKULTUR!"

Auch ist die Rede davon, den "Raum" zu "schützen". Schützen vor wem oder was? Hier werden wieder Gruppen angeführt wie zum Beispiel der typische "STUBUgänger". Aus meiner Erfahrung heraus muss ich leider sagen, dass der typische Stubugänger wahrscheinlich noch nichts von der Existenz des Zuckers mitbekommen hat. Natürlich registriert auch diese Gruppe langsam, was da "hinterm Bahnhof" abläuft, aber deshalb ist es noch lange nicht interessant für sie. Die Mehrzahl der "Zuckergänger" widerlegt jedenfalls diese These des Öfteren. Natürlich nehme ich meinen eigenen Schnitt zum Vergleich. Ich kann und werde auch nie alle Parties besuchen. Wer macht das schon als Außenstehender. Sollte sich also das Publikum in den letzten Wochen wirklich so massiv verändert haben? Sicher gab es bei mir auch ab und an das Gefühl eines leichten Aufstoßens bis hin zum Brechreiz wenn man vor dem Club steht und eigentlich nur Alkoholiker und Druffis um einen herum sieht. Doch anderen Orts gibt es eine Parkplatzparty oder Dark-Rooms. Drauf geschissen. Diesen Punkt kann man aber durchaus verfeinern, sei es durch das Programm, die Tür oder einfach durch Kommunikation.

Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch, dass sich der (Zucker)Club in den letzten Monaten immer mehr zum "In"-Laden entwickelt hat. Nicht weil sich das Programm oder die Grundidee grundlegend verändert hat, sondern weil es einfach von außen hineingetragen wurde. Alternativen in Bremen? Mangelware! Ich lehne mich soweit aus dem Fenster und behaupte: Das Zucker läuft in Bremen außer Konkurrenz. Das hat Vor- und Nachteile. Eines der größten Probleme in dieser Hinsicht kommt gerade zum Ausspruch. Jeder will und jeder kann und irgendwann haben alle keine Lust mehr drauf. Hier beißt sich der Hund in den eigenen Schwanz.
Auf der einen Seite geht es um einen Club der, auch wirtschaftlich, zuführen ist und auf der anderen Seite steht ein subkultureller Kerngedanke den es aufrechtzuerhalten gilt. Dieses Puzzle zusammenzuführen ist und wird kein leichtes.

Generell, und das haben wir bereits im ersten Artikel angesprochen, sehe ich das Problem woanders. Das Zucker ist in erster Linie ein Raum, ein Treffpunkt für eine Kultur die es in Bremen noch nicht gibt oder nicht mehr gibt, zumindest nicht in der Größe das man von einer Kultur oder Szene sprechen könnte. Das beweißt auch die Tatsache, dass neben Zucker und Spedition keine vergleichbaren Alternativen zur Verfügung stehen. Das Wort Verfügung kommt ziemlich plakativ daher, trifft aber den Kern des Problems ganz gut. Auch um diese "Räume" herum gibt es viel zu wenig Bewegung. Plattenladen alle zwei Wochen im Urlaub? Also doch lieber im Internet bestellen oder viel besser gar nicht? Das Zucker ist ein Club in dem vorrangig Musik, meist elektronischer Art, gespielt wird und wahrscheinlich werden 90% in diesem Club zu irgendeiner Party nicht das verlangen haben herauszufinden was sie denn da gerade hören oder wie es heißt, aber man sollte doch zumindest die Möglichkeit dazu haben es zu können und man sollte vielleicht auch den Anspruch haben dies ändern zu wollen ohne irgendwas davon abhängig zu machen. Vielleicht ist dies aber auch ein moderner Umgang mit dem Leben – dieses zu bewältigen. Nur entwickelt sich aus dieser Einstellung heraus nicht viel. Weder eine Szene, noch eine Subkultur und schon gar keine Vielfalt. Wenn also alle denken das Techno Electro sei und Rockmusik irgendetwas mit Gitarre ist, dann wird es schwierig. Genau hier sehe ich den größten Nachholbedarf. Es geht weder um Elite noch um Nerds, aber es geht um eine Auseinandersetzung mit dem was man macht und wie man es macht.
In diesem Punkt hat das Zucker und seine Belegschaft eindeutig eine Einzelposition in Bremen. Und ein Problem – das es zu lösen gilt im Sinne der Subkultur und deren die sich damit auseinandersetzen UND auseinandersetzen wollen.


(c) We.Like.Beats
25.05.2009